Foto: Sabrina Richmann

ZIW: Dortmund baut seine Wirkstoff-Pipeline aus

Mit einem neuen Forschungs- und Gründerzentrum will Dortmund seine Position als Standort für Wirkstoffforschung weiter ausbauen. Anfang Oktober wurde auf dem Wissenschafts- und Technologiecampus das Zentrum für integrierte Wirkstoffforschung Dortmund (ZIW) eröffnet. Die 3.600 m² große Erweiterung des Biomedizin Zentrums Dortmund (BMZ) bringt Labor- und Büroflächen für Biotech- und Life-Science-Unternehmen und fügt sich in ein Ökosystem ein, das in Dortmund bereits deutlich weiter entwickelt ist, als es der Neubau allein vermuten lässt.

ANZEIGE

Die Geschichte der Dortmunder Wirkstoffforschung reicht zurück bis in die frühen 2000er Jahre. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie (MPI) mit seiner Wirkstoffforschung. Auf dem Campus entstanden mit dem Chemical Genomics Centre, dem Lead Discovery Center (LDC) und dem BMZ Strukturen, die akademische Grundlagenforschung mit Wirkstoffentwicklung und Unternehmensgründungen verbinden. Das LDC wurde 2008 von der Max-Planck-Gesellschaft gegründet und hat sich darauf spezialisiert, frühe Forschungsergebnisse in pharmazeutisch relevante Wirkstoffkandidaten zu überführen.

Die Sparkasse legte den Grundstein

Auch andere deutsche Standorte hätten das LDC gern bei sich angesiedelt. Doch die finanzielle Eigenbeteiligung, die dazu nötig war, wollte niemand so recht leisten. Es war dann ausgerechnet eine Bank (in den Lehman-Zeiten), die sich dazu in der Lage sah und damit die Ansiedlung in Dortmund ermöglichte: die Sparkasse Dortmund.

Ein wichtiger nächster Schritt war 2018 der Drug Discovery Hub Dortmund (DDHD). In dem damals mit 11 Mio. Euro ausgestatteten Verbund wurden TU Dortmund, MPI, Leibniz-Institut für Arbeitsforschung (IfADo), Leibniz-Institut für Analytische Wissenschaften (ISAS), LDC, Taros Chemicals, PROvendis und das BMZ zusammengebracht. Ziel war ausdrücklich, die Lücke zwischen akademischer Grundlagenforschung und pharmazeutischer Anwendung zu schließen – von Projektscouting und Finanzierung über Wirkstoffsuche und Medizinalchemie bis zur industriellen Verwertung.

Gewinn- und erfolgsorientiert

Dass daraus kein reines Förderprojekt geworden ist, zeigt der Blick auf die jüngeren Aktivitäten. 2026 arbeiten etwa das Dortmunder Biotech-Unternehmen KyDo Therapeutics, das LDC und die TU Dortmund an neuen AKT-Inhibitoren gegen Glioblastome. Das Projekt soll neue Wirkstoffkandidaten aus der medizinalchemischen Optimierung in die präklinische Entwicklung bringen. KyDo selbst ist eine Ausgründung aus diesem Umfeld; die zugrunde liegende Technologie wurde an der TU Dortmund entwickelt und anschließend gemeinsam mit LDC, Taros und IfADo zu einem Wirkstoffprogramm weiterentwickelt.

Das LDC sponsort dabei nich als Gutmensch, sondern verfolgt klar einen unternehmerischen Weg. Für Akademiker jedoch immer noch eher auf einer Augenhöhe als die reine Kapitalseite in Venture-Capital-Gesellschaften oder Banken, da das große Forscherteam des LDC selbst einsteigt in der Validierung von Projekten (siehe dazu das Interview mit LDC-Chef Bert Klebl aus |transkript 3/24).

Damit ist in Dortmund zunehmend eine Art durchgehende Wirkstoffkette entstanden. Die TU Dortmund liefert unter anderem chemisch-biologische und strukturbiologische Forschung, das MPI Grundlagenwissen und Targets, LDC und Taros übernehmen wichtige Schritte der frühen Wirkstoffentwicklung, ISAS bringt analytische Expertise ein, während BMZ und nun ZIW Flächen für Unternehmen und deren weitere Entwicklung bereitstellen. Der DDHD bündelt diese Kompetenzen und versteht sich ausdrücklich als Inkubator für Wirkstoffforschungsprojekte aus ganz Nordrhein-Westfalen.

Neue Infrastruktur schafft Raum für mehr

Hinzu kommt inzwischen Infrastruktur jenseits der klassischen Wirkstoffsuche. Mit dem Center for Advanced Liquid Phase Engineering Dortmund (CALEDO) verfügt die TU Dortmund über ein Forschungszentrum für Reaktionen, Trennverfahren und Formulierungen. Hier werden auch verfahrenstechnische Fragestellungen adressiert, die für die Überführung von Forschung in industrielle Prozesse relevant sind.

Das neue ZIW setzt nun am nächsten Engpass an: Platz. Auf 3.600 m² entstehen S1- und S2-Labore, biologische und chemische Laborflächen sowie Büros und flexibel nutzbare Mieteinheiten. Das Zentrum soll vor allem Start-ups und Wachstumsunternehmen aufnehmen, die aus der Forschung heraus in die Entwicklung gehen und dafür professionelle Laborbedingungen benötigen. Betrieben wird es als Teil des BMZ durch das TechnologieZentrumDortmund.

Das ist auch der wirtschaftspolitische Kern des Projekts. Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Mona Neubaur bezeichnete die Verbindung von Forschung und Unternehmen als Voraussetzung dafür, dass neue Therapien schneller in die Anwendung kommen. Der Bau wurde über das Sondervermögen Verpachtung Technologiezentrum der Stadt Dortmund ermöglicht und im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) von Bund und Land gefördert.

Dortmund versucht damit nicht, einen einzelnen großen Biotech-Standort aus dem Boden zu stampfen. Die Strategie ist kleinteiliger und möglicherweise gerade deshalb interessant: Forschung, Wirkstoffsuche, Chemie, Analytik, Technologietransfer, Gründung und Unternehmensflächen werden über mehrere Einrichtungen miteinander verzahnt. Der DDHD bezeichnet das Netzwerk inzwischen als in Europa einzigartig, weil dort wesentliche Akteure der frühen Wirkstoffforschung und -entwicklung in einer gemeinsamen Struktur zusammenarbeiten.

Das ZIW ist somit weniger ein Neubeginn als ein weiterer Ausbau dieser Pipeline. Und der dürfte für Dortmund wichtiger sein als die zusätzlichen Quadratmeter allein: Denn wenn aus akademischen Projekten tatsächlich Unternehmen werden sollen, braucht es nach dem Labor eben auch den nächsten Raum für die ersten Mitarbeiter, die ersten Entwicklungsprogramme und irgendwann die ersten klinischen Kandidaten. Wenn hier nun ein echtes Hand-in-Hand aller Beteiligten entsteht, kann Dortmund aus dem Schatten anderer Standorte heraustreten und mit einer eigenen Pipeline aufwarten, statt nur mit einzelnen interessanten Assets.

SIE MÖCHTEN KEINE INFORMATION VERPASSEN?

Abonnieren Sie hier unseren Newsletter